Das naive Schreiben

Blog lebt. Schreiben lebt auch. Und auch das Schreiben über das Schreiben entwickelt sich, wird klarer, gelangt zu neuen Erkenntnissen und einem reiferen Verständnis. So geht es mir gerade mit einer Art und Weise des Schreibens, die ich „Das Naive Schreiben“ nennen will.

Das Naive Schreiben und seine Vorläufer

„Das Naive Schreiben“ – Ein Beitrag in eigener Sache

Seit Jahren bemühe ich mich um eine Art des Schreibens (des Schreibprozesses), das ich das „wirkliche Schreiben“ oder das „ehrliche Schreiben“ oder das „wahrhaftige Schreiben“, zuletzt, auch hier im Blog, das „wirkliche wahrhaftige Schreiben“ nannte. Doch all diese Benennungen trafen nie so ganz richtig das, was ich zum Ausdruck bringen wollte. Oder sie führten andere, größere Probleme mit sich im Schlepptau; manchmal gleich ein ganzes Bündel. Doch all diese Probleme scheinen sich mir nun nach langem Grübeln und Nachdenken seit gestern gelöst zu haben, indem ich die Art und Weise des Schreibens, um die es mir hier geht, das „naive Schreiben“ nenne.

Was  ist das Naive Schreiben?

Das naive Schreiben soll natürlich auch die Attribute ehrlich, wirklich und wahrhaftig erfüllen und das kann es auch sehr gut. Daran ändert sich gar nichts.

Woran sich, so hoffe ich doch sehr, etwas ändert, ist, dass der Begriff „Das Naive Schreiben“ mit einigen kleinen, hinzugefügten Erklärungen viel leichter verstanden werden kann, als wenn ich von großen Werten wie Wahrhaftigkeit, Wirklichkeit und Ehrlichkeit rede. Denn all diese großen Werte erwecken unweigerlich weitere, gewiss wertvolle, Fragen; hier soll es jedoch nur um das Schreiben gehen. Und um seinen praktischen Nutzen zur Selbsterkenntniss, zur Schreibtherapie und zur Persönlichkeitsentwicklung in Schreibworkshops oder im Schreibcoaching.

Das naive Schreiben soll also sein: Wahrhaft, wirklich, ehrlich und frei! Damit ist das naive Schreiben zwar umrissen und aufgezeigt, aber noch nicht erklärt.

Das naive Schreiben – Ein Erklärungsversuch

Im naiven Schreiben geht es darum, zu den Wurzeln seiner Persönlichkeit zu gelangen. Ich glaube, das ist es auch, was Natalie Goldberg in ihren Büchern: „Writing Down the Bones – Freeing the Writer Within„, und „Wild Mind – Living the Writers Life“ beschreibt. Wobei sich Natalie Goldberg allerdings auf ihre Wurzeln und Erfahrungen des Zen und der Zen-Praxis bezieht, wovon ich keine Ahnung habe. Aber unsere gemeinsamen Anliegen scheinen mir im Kern die selben zu sein: Schreiben, um sich selbst kennen zu lernen.

Natalie Goldbergs Buch „Writing down the Bones“, in den USA ein Bestseller, geschrieben 1986, trägt auf deutsch den schwachen Titel „Schreiben in Cafés„. Wahrscheinlich ist dem Übersetzer oder dem Verlag kein passenderer oder verständlicherer Titel für „Writing Down the Bones – Freeing the Writer Within“ eingefallen und mir fällt auch keiner ein. Wenn Du eine schöne Idee hast, schicke sie mir doch bitte zu! Im Inhalst dieser Bücher geht es zum großen Teil jedenfalls um das, worum es mir im naiven Schreiben auch geht: Ran an die Wurzeln des Selbst und des Daseins und die Befreiung des Schriftstellers, der in Dir steckt und endlich von Dir gehört werden will.

Wie geht das naive Schreiben?

Wie das Naive Schreiben am besten geht oder gehen kann, bin ich gerade noch am praktischen erforschen. Sicher erscheint mir jedenfalls, dass das, was ich in dem Beitrag „Wirkliches Wahrhaftiges Schreiben“ gesagt habe zutrifft und dass auch das in den Beiträgen „Erkenne Deinen Herrn und Meister“ und „Schreiben, Naivität und Bildhaftigkeit“ gilt. Im Artikel „Schreiben, Naivität und „Bildhaftigkeit“ deutet sich die Wendung bzw. Erweiterung zum „Naiven Schreiben“ ja bereits an. Über die Gedankenanregungen und Empfehlungen, die ich Dir in diesen Artikeln angeboten habe, hinaus, lassen sich für das Naive Schreiben auch, wie mir scheint, ein paar hilfreiche Regeln erstellen.

Regeln für das Naive Schreiben

Das Naive Schreiben ist ein unbefangenes Schreiben

So wie sich das Wort Naivität durch Unbefangenheit übertragen lässt, so kannst Du auch die Unbefangenheit in das Naive Schreiben mitnehmen. Unbefangenheit ist sogar der Kern des Naiven Schreibens! Die Frage ist nur: Wie stellt man Unbefangenheit am besten an?

Eine Allerwelts-Empfehlung könnte sein: Mach Dich locker, mach Dich frei von allem, was Dich belastet und was Dir gerade im Kopf herumgeht. Bestimmt hast Du die für Dich geeigneten Verfahren dafür in Deinem Leben schon gefunden. Vielleicht ist es Yoga, vielleicht ist es Meditation, vielleicht ist es einfach der Gang zum Schreibtisch. Tu das! Tu es einfach!

Ein wenig skeptisch bin ich jedoch, wie lange diese Unbefangenheit und geistige Freiheit bei Dir anhalten wird, wenn Du Dich dem Kern Deiner Thematik und Deines Schreibens nähern wirst. Denn dann wird es richtig spannend und wenn Du selbst nicht von Deiner Thematik ergriffen wirst – Wer dann?

Also gebe ich Dir hier noch ein paar konkretere Regeln mit auf den Weg:

Das Naive Schreiben – keine inneren Bewertungen!

Schreibe für Dich selbst! Schreibe nur für Dich selbst! Schicke alle Deinen inneren Kritiker zum Teufel! Verbiete Dir zu überlegen, was der- oder diejenige dazu sagen könnte, was du schreibst! Entziehe Dich im Schreiben aller möglicher Bewertungen durch Deine Umwelt! Du schreibst nur für Dich! Niemanden sonst geht das, was Du gerade schreibst, etwas an.

Falls Du später etwas von Deinem naiv geschriebenen veröffentlichen willst, und Dich damit auch öffentlicher Kritik aussetzen willst, kannst Du es immer noch passend umändern. Aber jetzt, in diesem Moment Deines Schreibens, der Dir heilig sein sollte, schreibst Du nur für Dich selbst! Mache dir dieses Geschenk einfach!

Das Naive Schreiben – keine inhaltlichen Bewertungen!

Bewerte in Deinem Schreiben auch inhaltlich nichts! Bewerte überhaupt nicht! Mach Dich von allen Wertungen und Bewertungen frei!

Im Naiven Schreiben wollen wir frei sein! Sobald Du eine Bewertung vornimmst, bist Du nicht mehr frei. Dann beziehst Du einen Standpunkt. Und einen Standpunkt musst Du auch vertreten und verteidigen können. Adieu, geliebte Freiheit!

Missverstehe mich bitte nicht: In Deinem „normalen Leben“, jedenfalls dem Leben außerhalb Deines Schreibens, ist es notwendig und richtig, dass Du einen Standpunkt beziehen kannst. Und dass Du ihn begründen und verteidigen kannst. Das ist immerhin auch das Anliegen der meisten Wissenschaften und jeder guten Philosophie. Aber im Naiven Schreiben, in Deinem freien Naiven Schreiben darfst Du Dich all dieser Forderungen entziehen.

Also: Mach Dich nicht nur frei von Deinen Inneren Kritikern und Bewertern! Bewerte auch Du die von Dir geschriebenen Inhalte nicht!

Zum Beispiel: Schreibe nicht: „Er wohnte in einem hässlichen, ungepflegten Haus …“. Schreibe lieber: „Er wohnte in einem halb zerfallenen Haus mit vermoosten, dunkelroten Dachziegeln und einem verwildertem Garten voller Margeriten.“

Mach Dich frei von allen Bewertungen! Mach Dich frei!

Das Naive Schreiben – Stelle keine Fragen!

Stelle in Deinem Text auch keine Fragen! Fragen sind nichts Neutrales. Fragen entstehen immer aus einem bestimmten Standpunkt heraus. Und indem Du eine Frage stellst und aufschreibst, bist Du sofort wieder in die Standpunkt-Falle, die Falle der Unfreiheit getappt und diese Falle schlägt sofort zu! Sobald Du Durch eine Frage in Deinem Text einen Standpunkt beziehst, kannst Du gleich wieder sagen: Adieu liebe Freiheit!

Das Naive Schreiben – Stelle keine Fragen! Und gib erst recht keine Antwort auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden.

Ganz natürlich wird manches von Dir Geschriebene Dich und die meisten von uns dazu drängen, Fragen zu stellen oder eine ganz bestimmte Frage zu stellen. Dann haben wir alle diese Frage im Kopf und das ist gut so; da gehört sie auch hin. Aber bitte hüte Dich davor, Dir und uns diese Frage in Deinem Geschriebenen zu beantworten. Schlag‘ nicht tot, was eben erst entsteht: Deine naive Freiheit!

Und bitte hüte Dich davor, diskutieren zu wollen, „dass sich hierbei doch sicherlich jeder vernünftige Mensch sofort die Frage stellen muss …“. Keine Diskussionen! Tu es nicht! Lass es einfach sein! Schalte Deinen Frageapparat aus und schreib einfach weiter!

Das Naive Schreiben – Keine Erklärungen!

Nein! Bitte erspare uns, falls wir Deinen Text lesen dürfen, Deine Erklärungen. Besonders erspare uns bitte Deine Erklärungen auf Fragen, die wir uns noch gar nicht gestellt haben!

Schenke Dir die Freiheit, nichts erklären zu müssen! Schenke Dir vor allem die Freiheit, Dich selbst nicht erklären zu müssen! Und für uns Leser gibt es kaum etwas, das schwieriger zu ertragen ist, als ein Schriftsteller, der uns schriftlich erklären will, was er eigentlich hätte wollen schreiben mögen und warum er dieses und jenes so oder so macht. Im freien Naiven Schreiben hat dies keinen Platz und keine Berechtigung, weil es Deine Freiheit zerstört. Zerstör Dir nicht selbst Deine Freiheit! Du schreibst schließlich für Dich selbst und keinen Forschungsbericht oder eine Verteidigungsrede!

Werde achtsam, sobald du die Wörter „weil“, „weshalb“ und „warum“ in Deinem Text findest. Da ist die Freiheitsfalle schon wieder aufgestellt!

Das Naive Schreiben – Was wir von Dir lesen wollen!

Um Dir Deine Freiheit im Naiven Schreiben zu bewahren, stelle Dir vor, Du seist ein liebenswürdiges Lamm, das in der Welt herumspaziert und Dir nun erzählt, was es alles sieht, hört, riecht und fühlt. Betrachte Dich auch von außen als dieses liebenswürdige Lamm und erzähle Dir und uns, was dieses Lamm alles erlebt, wie es sich dabei fühlt, wie es ihm ergeht.

Ein Lamm denkt (wahrscheinlich) nicht über das ganze wieso, weshalb, wofür und warum nach, sondern es erlebt einfach. Es erlebt einfach ganz naiv. Und diese Bewundernswerte Naivität des Lammes ist es, auf die Du im Naiven Schreiben zusteuern kannst.

Mach Dich frei von allen Hirngespinsten! Erzähle Dir und uns einfach und vielfältig von allem, was Du wahrnimmst und allem, was Du dabei fühlst! Auf Deine geschärfte Wahrnehmung und Deine Gefühle kommt es an, damit Du im Naiven Schreiben erfolgreich sein kannst!

Das Naive Schreiben – Dein Nutzen

Wenn Du nun all diese Regeln beherzigst, auch wenn es Dir anfangs vielleicht ein wenig schwer fällt und Dich für den anfänglichen Moment vielleicht auch wort- und sprachlos macht, welchen Nutzen kannst Du aus allen diesen Einschränkungen ziehen?

  • Du kommst, wenn Du über Dich selbst berichtest, Deinem eigentlichen, wahren Erleben sehr nah
  • Auch wenn Du über Deine Vergangenheit berichtest, kommst Du Dir und Deiner Vergangenheit sehr nah
  • Und Du kommst auch nicht nur Dir selbst sehr nah, sondern auch allen anderen Menschen, die in Deinem Geschriebenen vorkommen.
  • Du gewinnst eine völlig neue, freie Betrachtungsweise auf Dich und Dein Leben

Diese neue, befreite Betrachtungsweise auf Dich und Dein Leben ist das Ziel des Naiven Schreibens. Nun kannst Du neu und befreit über Dich und Dein Leben nachdenken, vieles viel besser verstehen und Belastendes auch so verstehen, dass es keine Belastung mehr sein muss. Du kannst Dir durch das Naive Schreiben spielerisch Deine Freiheit, nach der du Dich vielleicht sehr sehnst, leicht, klug und weise zurückerobern.


SCHREIBEN in BERLIN | Das NAIVE Schreiben verhilft Dir zu Freiheit und Selbsterkenntnis
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